Wer hin und wieder ein Buch liest, wird sich nicht unbedingt dafür interessieren, welche Literaturgattungen es gibt, sondern man ist schon damit zufrieden, wenn einem das Buch gefällt. Vielleicht ist das auch der Grund, warum viele Menschen heute mit dem Begriff Literaturgattung nichts mehr anfangen können. Vor wenigen Jahrzehnten war dies noch anders. Da gehörte das Wissen über die Unterscheidung der einzelnen Gattung noch zum Allgemeinwissen. Johann Wolfgang von Goethe war es, der erstmals eine Kategorisierung der Literatur unter verschiedene Oberbegriffe entwickelte und die im Grunde bis heute ihre Gültigkeit haben. Da sich jedoch im Laufe der Zeit weitere Literaturformen entwickelt haben, welche sich keiner oder gleich mehreren Gattungsbegriffen zuordnen lassen, halten manche die Einteilung für überholt und bevorzugen eine Einteilung in Genres.
Goethe fasste Literatur unter die Oberbegriffe Epik, Lyrik und Dramatik zusammen. Im Laufe der Zeit wurde das System weiter angepasst, so das heute manchmal auch Prosa und Sachliteratur als eigene Gattungen in der Literatur angesehen werden. Unter Epik etwa werden alle Literaturformen im erzählerischen Stil aufgeführt. Also Romane mit seinen verschiedenen Unterformen, Sagen, Novellen, Autobiografien und Kurzgeschichten. Auch Märchen, Zitate, Sprichwörter und Rätsel werden der Epik zugeordnet. Der Begriff Epik leitet sich von der Literaturform des Epos ab. Dies stellte im Altertum eine in Versform erzählte Geschichte dar. Als Lyrik werden diejenigen Literaturformen bezeichnet, welche in dichterischer Weise geschrieben sind. Dazu zählen etwa Balladen, Haikus, Hymnen und Kinderreime. Zur Lyrik gehören jedoch auch Texte, welche im Zusammenhang mit Musik vorgetragen werden. So sind beispielsweise Chansons, Volksliedtexte und sogar Rap unterschiedliche Arten der Lyrik. Als dritte Gattung in der klassischen Einteilung wird die Dramatik angesehen. Als Kriterium der Dramatik ist festgelegt, das die Texte verteilte Rollen haben. Beispiele dafür sind zum Beispiel Manuskripte für Hörspiele oder Drehbücher, Theaterstücke und Texte bei Opern.
Da sich die Literatur im jedoch im Lauf der Zeit weiterentwickelt hat, sind einige der Ansicht, dass die klassische Einteilung in Epik, Lyrik und Dramatik unzureichend und nicht mehr den aktuellen Stand der Dinge widerspiegelt. Deshalb wurde den drei bisherigen Gattungen die Literaturgattung der Sachliteratur hinzugefügt. Diese kennzeichnet sich dadurch, dass sie sich mit realen Dingen beschäftigt und diese beschreibt. Unter die Gattung Sachliteratur fallen zum Beispiel Sachbücher, Reiseberichte, Lexika oder Tagebücher. Aber auch Zeitschriften können der Sachliteratur zugeordnet werden. Uneinigkeit herrscht darüber, ob man die Prosa als eine fünfte Literaturgattung ansehen kann. Da das Hauptmerkmal der Prosa in der Literatur für erfundene und beobachtende Texte steht, würde sich dadurch eine Überschneidung mit anderen Gattungen ergeben. So sind Romane die in die Gattung Epik fallen in der Regel erfundene Werke. Reisebeschreibungen hingegen fußen auf Beobachtungen und wären somit der Gattung Sachliteratur zuzuordnen. Aus diesem Grund wird es weitgehend abgelehnt, Prosa als eine eigenständige Gattung in der Literatur zu führen.
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MehrWer einen geselligen Abend mit Freunden verbringt und hinterher feststellt, man habe sich gut unterhalten, sagt etwas rundherum Positives. Warum darf das bei einem Buch nicht so sein? Ist es im Bereich der Literatur etwas Negatives, sich gut zu unterhalten?
Die Gegenbegriffe zu Unterhaltungsliteratur sind Dichtung oder eben hohe Literatur, die sich als Kunst versteht. Jede Kunst, ob Malerei, Musik oder Literatur, fordert den Betrachter oder Leser heraus. Kunst ist nie auf den ersten Blick völlig verständlich. Wer sie hört, liest oder sieht, muss nachdenken und mitfühlen und manchmal auch etwas wissen, um das Werk völlig zu verstehen. Wer hat nicht schon völlig verständnislos den Kopf geschüttelt über ein Musikstück von Stockhausen oder ein Gedicht von Gottfried Benn. Die Mühe, die es bereitet, solchen Werken näher zu kommen oder sie zu verstehen, soll aus dem Betrachter einen besseren Menschen mit tiefgründigeren Gedanken und höheren Lebenszielen machen. Soweit die trockene Theorie. Aufgrund dieser hohen Ansprüche haben solche Kunstwerke oft nur wenig mit dem täglichen Leben und Fühlen der meisten Menschen zu tun.
Die Unterhaltungsliteratur hat einen solchen hohen Anspruch an ihre Leserinnen und Leser nicht, sie erwartet viel weniger von ihnen. Diese Literatur – die ja angeblich gar keine ist – ist immer fest verwurzelt in der Welt der Leser und orientiert sich an deren Wünschen. Der größte Wunsch lautet: Bitte keine Langeweile beim Lesen. Weiter fühlen sich Leser dann gut unterhalten, wenn sie ihre Wirklichkeit – oder Teile davon – im Buch wieder finden und wenn sie in der Handlung versinken können. Da die Unterhaltungsliteratur auf diese Weise sehr nah an ihren Lesern dran ist, lässt sie sich mit weniger Aufmerksamkeit lesen als hohe Literatur. Einen Band Harry Potter kann man problemlos an einem sonnigen Nachmittag im Freibad verschlingen, es bereitet auch keine Schwierigkeiten, wenn nebenher Musik läuft oder jemand herein kommt. Unter den gleichen Bedingungen den zweiten Teil von Goethes Faust zu lesen, ist ein Ding der Unmöglichkeit.
Ist Unterhaltungsliteratur dann das selbe wie Schund und Heftchenromane, also sogenannte Trivialliteratur? Solche Abgrenzungen sind immer schwierig und hängen auch von dem ab, der sie trifft. Ein Kennzeichen von Trivialliteratur ist jedoch, dass sie immer ein Happy End hat und dass die Handlungen und Rahmenbedingungen bestimmten Mustern folgen. Unterhaltungsliteratur kann auch ein glückliches Ende haben, aber sie muss es nicht. Die Handlung kann quasi überall stattfinden und kann durchaus – wie zum Beispiel bei heutigen skandinavischen Krimis – die Abgründe menschlichen Handelns zum Thema haben.
Literaturwissenschaft und Literaturkritik stehen der Unterhaltungs- und der Trivialliteratur skeptisch oder sehr ablehnend gegenüber. Wirkliche Literatur wird angeblich nur von wenigen Lesern verstanden; was ein Bestseller wird, kann daher nicht wirklich gut sein.
Unterhaltungsliteratur wäre nicht so langlebig und erfolgreich, wenn sie nicht ein großes Bedürfnis nach Ablenkung und schierer Leselust erfüllen würde. Und auch wenn Literaturkritiker über einen Unterhaltungsroman nie auch nur ein Wort verlieren würden, bedeutet das nicht, dass es Literatur zweiter Klasse ist.
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